Die Mutter, die ich nie werden wollte.
- sanctumaugsburg
- vor 1 Tag
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Mit 25 habe ich mich sterilisieren lassen.
Bis heute löst dieser Satz etwas in Menschen aus.
Manche sind neugierig. Andere irritiert. Manche versuchen sofort herauszufinden, welches Trauma dahinterstecken muss.
Fast immer folgt dieselbe Frage. Warum?
Die ehrliche Antwort überrascht die meisten, oder vielleicht niemanden. Es ging nie um Kinder. Es ging um mich.
Ich bin nicht mit dem Gefühl aufgewachsen, dass mein Leben selbstverständlich mir gehört. Wie viele Frauen habe ich früh gelernt, aufmerksam zu sein. Mich anzupassen. Zu spüren, was andere brauchen. Konflikte zu vermeiden. Verantwortung zu übernehmen. Ich war gut darin. So gut, dass ich lange gar nicht bemerkte, wie wenig Raum ich selbst in meinem eigenen Leben einnahm.
Irgendwann stellte sich eine Frage, die lauter wurde als alle Erwartungen von außen. Wann beginnt eigentlich mein eigenes Leben?
Nicht das Leben, das andere für mich vorgesehen haben.
Nicht das Leben, das sich richtig anfühlt, weil man es eben so macht.
Mein Leben.
Als ich mich sterilisieren ließ, entschieden viele Menschen für mich, was diese Entscheidung bedeuten musste.
Sie hörten: "Sie will keine Kinder."
Ich hörte etwas völlig anderes.
"Mein Körper gehört mir."
Zum ersten Mal traf ich eine Entscheidung, die niemandem dienen musste.
Nicht meinen Eltern.
Nicht einer zukünftigen Familie.
Nicht gesellschaftlichen Vorstellungen.
Nicht einem abstrakten Bild davon, wie ein erfülltes Frauenleben auszusehen hat.
Nur mir.
Heute glaube ich, dass genau deshalb so viele Menschen von dieser Entscheidung irritiert sind. Nicht nur weil sie endgültig ist.
Sondern weil sie radikal die Frage stellt: Wem gehört dein Leben eigentlich?
Das Verrückte ist: Je älter ich werde, desto näher komme ich der Mutter.
Nicht der biologischen Mutter. Der Archetypin.
Früher dachte ich, Muttersein bedeutet, sich selbst zurückzustellen.
Heute glaube ich das Gegenteil.
Eine Mutter, die sich selbst dauerhaft verlässt, kann zwar funktionieren.
Aber sie kann kein Leben nähren. Nicht auf Dauer.
Die größte Erkenntnis der letzten Jahre war für mich deshalb:
Das erste Leben, für das ich Verantwortung tragen musste, war mein eigenes.
Nicht irgendwann... nachdem alle anderen versorgt sind.
Sondern jetzt.
Ich glaube, wir haben den Archetyp der Mutter über Jahrhunderte missverstanden.
Wir haben sie zur Frau gemacht, die immer zuletzt kommt. Die alles trägt. Alles hält.
Alles gibt. Bis irgendwann nichts mehr übrig ist von ihr.
Aber Leben entsteht nicht aus Erschöpfung. Leben entsteht aus Fülle.
Aus einer Frau, die ihren eigenen Körper bewohnt.
Die ihre Bedürfnisse kennt.
Die sich selbst ernst nimmt.
Die sich nähren lässt.
Die Grenzen setzt.
Die weiß, dass Fürsorge nicht mit Selbstaufgabe beginnt.
Sondern mit Selbstachtung.
Manchmal frage ich mich, ob meine Sterilisation am Ende gar keine Entscheidung gegen Mutterschaft war. Vielleicht war sie die erste Entscheidung für sie.
Nicht für die Rolle. Nicht für die Biologie.
Sondern für ihre tiefste Fähigkeit: Leben zu schützen.
Ich begann nur an einem Ort, den ich viele Jahre übersehen hatte. Bei meinem eigenen.
Das SANCTUM wäre ohne diese Entscheidung wahrscheinlich nie entstanden.
Die Frauenkreise nicht. Die Gespräche nicht. Die Räume nicht.
Nicht weil Kinder das verhindert hätten.
Sondern weil ich damals zum ersten Mal aufgehört habe, mein Leben für eine Zukunft aufzuheben, von der ich gar nicht wusste, ob sie meine ist.
Ich begann, das Leben zu nähren, das bereits da war.
Vielleicht geht es bei der Mutter gar nicht zuerst um Kinder, sondern um eine viel unbequemere Frage:
Kannst du dein eigenes Leben so sehr lieben, dass du aufhörst, es ständig für alle anderen zurückzustellen?
Ich glaube, dort beginnt Mutterschaft.
Und vielleicht beginnt dort auch Freiheit.




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