Wann haben wir vergessen wie man Übergänge feiert?
- Christiane Pitter

- vor 4 Tagen
- 2 Min. Lesezeit

Wenn ich an Rituale denke, muss ich oft an meine Kindheit denken.
Da gab es Weihnachten. Geburtstage. Einschulung. Konfirmation.
Ich wusste, dass diese Tage etwas Besonderes sein sollten.
Aber ich wusste nie, warum.
Ehrlich gesagt dachte ich lange, Rituale seien einfach Traditionen. Dinge, die man macht, weil man sie eben macht. Erst viele Jahre später habe ich verstanden, dass es dabei nie um Kerzen, Geschenke oder bestimmte Abläufe ging.
Sondern um etwas viel Grundsätzlicheres.
Ich glaube, unser Leben besteht aus Schwellen.
Momenten, nach denen wir nicht mehr dieselben sind wie vorher.
Manche sind offensichtlich.
Wir werden Mutter.
Wir heiraten.
Wir trennen uns.
Jemand stirbt.
Andere sind viel leiser.
Ein Kind braucht plötzlich keinen Schnuller mehr.
Zum letzten Mal wird es gestillt.
Wir ziehen aus einer Wohnung aus, in der ein ganzes Kapitel unseres Lebens stattgefunden hat.
Wir treffen eine Entscheidung, die uns niemand mehr abnehmen kann.
All diese Momente haben etwas gemeinsam.
Sie verändern unsere Identität.
Nicht auf dem Papier.
Sondern innerlich.
Ich glaube nicht, dass dieser Wandel einfach von alleine passiert.
Zumindest nicht vollständig.
Ein Teil von uns braucht die Gelegenheit, stehen zu bleiben.
Zurückzuschauen.
Zu würdigen, was war.
Und bewusst zu begrüßen, was kommt.
Genau dafür gibt es Rituale.
Nicht, weil sie magisch sind.
Sondern weil sie einem Übergang Bedeutung geben.
Vielleicht ist das der Grund, warum sich manche Veränderungen so unfertig anfühlen.
Nicht, weil sie falsch waren.
Sondern weil niemand sie jemals bewusst markiert hat.
Wir feiern Hochzeiten.
Aber wer begleitet den Übergang in ein Leben nach einer Trennung?
Wir schenken Geschenke zur Geburt.
Aber wer nimmt sich Zeit, eine Frau bewusst als Mutter willkommen zu heißen?
Wir feiern Geburtstage.
Aber wie oft halten wir wirklich inne und fragen uns:
Wer bin ich eigentlich in diesem neuen Lebensjahr geworden?
Im SANCTUM gestalten wir deshalb keine Rituale nach festen Vorlagen.
Mich interessiert nicht, wie ein Mama Blessing auszusehen hat.
Oder wie eine Scheidungszeremonie ablaufen sollte.
Mich interessiert eine andere Frage.
Was verändert sich hier gerade wirklich?
Und was braucht dieser Übergang, damit er nicht einfach passiert, sondern bewusst erlebt werden kann?
Manchmal braucht es Worte.
Manchmal Zeugen.
Manchmal ein gemeinsames Essen.
Manchmal Tränen.
Manchmal etwas, das diesen Moment auch Jahre später noch greifbar macht.
Ich glaube, Rituale verändern unser Leben nicht.
Sie helfen uns zu erkennen, dass unser Leben sich bereits verändert hat.
Und genau deshalb sind sie für mich keine schöne Tradition.
Sondern eine Einladung, an den Schwellen unseres Lebens nicht einfach vorbeizugehen.

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