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Warum ist Gemeinschaft so schwer (geworden)?

Ich denke in letzter Zeit viel über Gemeinschaft nach.

Nicht nur, weil ich mir für das SANCTUM wünsche, dass daraus irgendwann mehr entsteht als ein Ort, an dem Menschen Veranstaltungen besuchen. Sondern weil ich merke, dass ich selbst Teil derselben Herausforderung bin.

Ich wünsche mir Gemeinschaft.

Und gleichzeitig beobachte ich bei mir selbst, wie kompliziert Geben und Nehmen geworden ist.




Wie viele unausgesprochene Regeln dazwischenliegen. Wie schnell Hilfe sich nach Schuld anfühlen kann. Oder nach Verpflichtung. Oder danach, jemandem etwas schuldig zu sein. Es ist, als wären diese Kanäle über die Jahre langsam verkalkt.


Ich glaube, fast jeder Mensch sehnt sich nach Gemeinschaft. Nach Menschen, die da sind. Nach einem Ort, an dem man sich zugehörig fühlt. Nach dem Gefühl, nicht alles alleine tragen zu müssen.

Und trotzdem scheint genau das immer schwieriger zu werden. Mich beschäftigt dieser Widerspruch.


Oft hören wir, dass früher alles anders war. Dass es “das Dorf” gab. Dass Menschen füreinander da waren. Ich bin mir gar nicht sicher, ob das stimmt. Diese Dörfer bestanden nicht aus besonders bewussten oder geheilten Menschen.Sie bestanden aus Menschen mit Traumata, Konflikten, Gewalt und engen sozialen Normen.Viele von uns würden in einer solchen Gemeinschaft vermutlich gar nicht leben wollen.

Ich glaube deshalb nicht, dass wir dorthin zurückmöchten.


Und trotzdem habe ich das Gefühl, dass wir uns an etwas erinnern. Nicht an ein bestimmtes Dorf.

Sondern an eine Fähigkeit.


Als Menschen sind wir darauf ausgelegt, in Beziehung zu leben. Uns gegenseitig zu unterstützen. Verantwortung zu teilen. Vielleicht tragen wir diese Erinnerung nicht in unseren eigenen Erfahrungen, sondern viel tiefer. Vielleicht erinnert sich unser Nervensystem an etwas, das älter ist als wir selbst.


Was mich immer wieder überrascht, ist, dass wir uns Gemeinschaft wünschen, aber Verantwortung oft vermeiden. Ich kenne das von mir. Und ich beobachte es genauso um mich herum. Wir wünschen uns Menschen, die für uns da sind. Aber wir überlegen sehr genau, bevor wir uns wirklich für andere verantwortlich machen.

Vielleicht, weil Verantwortung heute schnell nach Überforderung klingt. Oder nach Ausgenutztwerden. Oder nach Haftung.


Vor einiger Zeit hatte ich die Idee, dass sich die Frauen im SANCTUM gegenseitig bei der Kinderbetreuung unterstützen könnten. Nicht professionell. Einfach menschlich.

So, dass eine Frau einmal aufpasst und beim nächsten Mal jemand anderes.

Ich fand die Idee wunderschön. Und gleichzeitig habe ich gemerkt, woran sie scheitert.



Was ist, wenn etwas passiert?

Wer haftet?

Kann ich mein Kind überhaupt jemand anderem anvertrauen?



Je länger wir darüber gesprochen haben, desto kleiner wurde die Idee.

Nicht, weil niemand helfen wollte. Sondern weil zwischen zwei Menschen heute unzählige Ängste stehen.


Ich glaube, genau das ist der Punkt. Nicht fehlende Hilfsbereitschaft. Sondern fehlendes Vertrauen.

Und Vertrauen entsteht nicht dadurch, dass wir es uns wünschen. Es entsteht, indem wir Verantwortung miteinander erleben. Das Problem ist nur:


Ohne Vertrauen übernimmt niemand Verantwortung.

Und ohne Verantwortung entsteht kein Vertrauen.

Wir drehen uns im Kreis.


Vielleicht brauchen wir deshalb gar keine Rückkehr zum Dorf.

Vielleicht brauchen wir etwas, das es so noch nie gegeben hat.

Eine Form von Gemeinschaft, in der Verantwortung nicht bedeutet, sich selbst aufzugeben. In der Hilfe nicht automatisch Schuld erzeugt. In der Grenzen dazugehören. In der man Nein sagen kann, ohne gleich die Beziehung zu verlieren. Und Ja sagen kann, ohne Angst zu haben, ausgenutzt zu werden.


Ich merke, dass ich das selbst erst lerne. Früher habe ich nach Veranstaltungen fast jede Hilfe beim Aufräumen abgelehnt. Ich wollte niemanden belasten. Oder vielleicht wollte ich niemandem etwas schuldig sein. Heute lasse ich Menschen häufiger helfen.

Nicht, weil ich es nicht alleine könnte. Sondern weil ich langsam verstehe, dass Gemeinschaft genau dort beginnt. Nicht erst, wenn wir Hilfe bekommen. Sondern wenn wir sie überhaupt zulassen.


Vielleicht ist Gemeinschaft gar nichts, das man finden kann.

Vielleicht entsteht sie jedes Mal neu, wenn zwei Menschen den Mut haben, füreinander Verantwortung zu übernehmen, ohne sich dabei selbst zu verlieren.

Ich glaube nicht, dass wir das alte Dorf zurückhaben wollen. Ich glaube, wir suchen nach etwas, das es vielleicht noch nie gegeben hat.



Eine Gemeinschaft, die nicht auf Abhängigkeit basiert.

Nicht auf Kontrolle.

Nicht auf Pflicht.

Sondern auf freiwilliger Verbundenheit.



Vielleicht ist genau das eine der wichtigsten Aufgaben unserer Zeit.

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