Der Traum von Gemeinschaft
- sanctumaugsburg
- vor 4 Tagen
- 3 Min. Lesezeit
Vor ungefähr 1-2 Jahren saß ich in meinem Garten in meinem Kindheitsdorf. Ich hatte diesen gepachtet, 3000qm wilde Natur, das Fundament eines alten Bauernhofes zugewachsen unter Efeu, Brenesseln und Brombeeren. Nach kurzer Zeit ein großes Gewächshaus aus alten Holz-Terassenfenstern. Ein Brunnen und überall Hängematten. Ich saß hier jeden Tag nach der Arbeit, manchmal schon vorher. Es war dieser Ort, mein wildes Exil, der mich leise genug werden ließ, um mir etwas einzugestehen, das ich mir vorher nicht eingestanden hätte.
Ich spürte das Bedürfnis nach Gemeinschaft, insbesondere, Gemeinschaft von Frauen. Mehr und mehr Ideen und Visionen von Abenden mit Frauen, ums Feuer tanzend, voll verkörpert, sich gegenseitig den Raum halten für Prozesse, die sonst nirgends Platz haben.
Es war, als wäre langsam ein Traum gewachsen in meinem Garten.
Gleichzeitig kam es mir so vor, als würde der Traum dieses Gewächshaus nie verlassen.
Auf eine Art fühlt sich meine Situation damals im Garten sinnbildlich an für die Situation vieler Frauen.. wir sehen uns nach Gemeinschaft, aber wissen nicht mal wie der erste Schritt aussieht.
„It takes a village“. Es braucht ein Dorf. Es braucht Community, damit wir artgerecht gehalten sind. Es braucht Gemeinschaft, dass wir nicht krank werden. Früher gab es diese Gemeinschaften. Man brauchte seinen Nachbarn, man musste gute Beziehungen pflegen, weil man ständig etwas vom Anderen brauchte. Da war so viel mehr Verbindlichkeit und Loyalität, starke Werte, die eine Gemeinschaft zusammenhalten.
Und irgendwo auf dem Weg zwischen Industrialisierung, dem ersten und zweiten Weltkrieg, sowie der Globalisierung und dem Individualismus, den wir heute leben, haben wir vergessen, dass wir einander brauchen. Haben wir verlernt, wie man füreinander da ist.
Kommt dir diese Geschichte bekannt vor? Es klingt fast wie Erinnerung, aber am Ende ist es nur Nostalgie. Lasst uns kurz überlegen, wie das Dorf früher wirklich war.
Das Dorf war kein romantischer Ort.
Es war ein Ort, an dem Menschen auf engstem Raum lebten. Mit Kriegstraumata. Mit Alkohol. Mit Gewalt. Mit Scham.
Mit Rollen, aus denen kaum jemand ausbrechen konnte.
Es gab Zugehörigkeit für den Preis von Individualität.
Und das war so schmerzhaft, dass wir uns unsere Individualität über viele Generationen gegen großen Widerstand erkämpft haben.
Heute stehen wir zum ersten Mal vor einer völlig anderen Aufgabe: Nicht mehr zwischen Individualität und Zugehörigkeit wählen zu müssen. Sondern beides gleichzeitig zu lernen.
Vielleicht ist genau das der Grund, warum so viele Versuche, Gemeinschaft aufzubauen, scheitern. Nicht weil Menschen egoistisch sind, nur noch konsumieren, niemand mehr bereit ist Verantwortung zu übernehmen, sondern weil wir stillschweigend davon ausgehend, dass Gemeinschaft entsteht, sobald wir Menschen zusammenbringen.
Wie genau soll das passieren? Wenn es stimmt, dass diese Form von Gemeinschaft noch nie existiert hat, warum sollte sie entstehen, nur weil wir zusammen sind?
Im SANCTUM mache ich nämlich eine Erfahrung, die so gar nicht zu diesem zynischen Menschenbild passt:
Ich erlebe Menschen, die früher kommen. Die Helfen wollen. Die fragen, ob sie etwas mitbringen können. Die bleiben, um aufzuräumen. Die dazugehören wollen.
Es fehlt uns nicht an Bereitschaft.
Vielleicht fehlen uns die zwischenmenschlichen Fähigkeiten, die Gemeinschaft unter den Bedingungen von Freiheit erst ermöglichen.
Gemeinschaft ist kein Gefühl. Sie ist ein kulturelles Handwerk.
Sie entsteht dort, wo Menschen lernen, sich selbst zu begegnen, ohne sich in sich selbst zu verlieren.
Wo sie lernen, einander ehrlich zu begegnen, ohne sich gegenseitig zu verlassen.
Wo sie lernen, Verantwortung für ein gemeinsames Wir zu übernehmen, ohne Individualität wieder aufzugeben.
Das sind keine Charaktereigenschaften. Es sind Kulturtechniken.
Für mich sind Kulturtechniken die Fähigkeiten, die aus vielen Individuen eine tragfähige Gemeinschaft entstehen lassen.
Sie entscheiden darüber, ob wir nach einem Konflikt getrennte Wege gehen oder gemeinsam wachsen.
Ob Verantwortung geteilt oder abgeschoben wird.
Ob Individualität und Zugehörigkeit Gegensätze bleiben oder sich gegenseitig ermöglichen.
Wir können Gemeinschaft nicht beschließen, wir müssen sie üben.
Vielleicht erklärt das auch zum ersten Mal, warum die Räume im SANCTUM so unterschiedlich aussehen.
Der Rote Raum. Die Archetypenreise. Die Mitternachtsgesellschaft.
Von außen haben sie wenig miteinander zu tun.
Für mich stellen sie alle dieselbe Frage:
Welche Fähigkeiten braucht ein Mensch, damit eine freie Gemeinschaft überhaupt entstehen kann?
Im Roten Raum gehen wir gemeinsam dorthin, wo unsere Kultur oft keine Sprache und keinen Ort mehr hat. Nicht, um Gefühle loszuwerden. Sondern um zu erfahren, dass Zugehörigkeit auch dort nicht enden muss.
In der Archetypenreise verbinden wir individuelle, zwischenmenschliche und kulturelle Fähigkeiten zu einem Curriculum. Jeder Archetyp steht für eine Fähigkeit, die wir nicht nur verstehen, sondern verkörpern lernen.
In der Mitternachtsgesellschaft üben wir etwas, das fast verloren gegangen ist: Fremden zu begegnen, ohne eine Rolle spielen zu müssen.
Ich glaube nicht mehr, dass wir Gemeinschaft bauen können.Ich glaube, wir können nur Menschen werden, die fähig sind, sie hervorzubringen.



Kommentare