top of page

Die Mystikerin

23. Sept.
4 Min. Lesezeit

Über zwei Arten von Hunger

Es gibt eine Idee, die mr in Räumen für persönliche Entwicklung immer wieder begegnet.


Dass unsere Ständige Suche ein Problem ist, oder besser auf ein tieferes Problem hindeutet.


Dass wir immer noch einen Kurs machen, noch ein Buch lesen, noch eine Methode ausprobieren, noch tiefer verstehen, immernoch etwas verändern wolen, weil wir insgeheim glauben noch nicht genug zu sein.


Ich weiß aus eigener Erfahrung: manchmal stimmt das auch. Es gibt diesen Hunger, einen Hunger der sagt: "Wenn ich mich genug entwickelt habe, endlich reguliert bin, meine Muster verstanden, ich endlich geheit, erfolgreich, souverän und begehrenswert bin, DANN bin ich angekommen.

Wenn ich erst mal dort bin, bin ich richtig. Kann doch nur so sein, oder?


Da gibt es nur ein Problem: Dieser Hunger kennt kein satt.


Denn sein eigentliches Problem ist nicht, dass ihm noch etwas fehlt. Sein Problem ist, dass er selbst ein Kind der Annahme ist "Ich bin der Mangel".


Jede neue Erkenntnis wird zur nächsten Baustelle. Jede Erfahrung zum Material für Optimierung. Jedes Gefühl zum Hinweis auf etwas, das noch bearbeitet werden müsse.


Selbsterkenntnis kann sich erstaunlich tot anfühlen.


Je mehr man sich versteht, desto weniger begegnet man sich.


Trotzdem glaube ich wir machen einen Fehler, wenn wir daraus schließen, dass Hunger grundsätzlich aus Mangel entsteht.


Es gibt noch einen zweiten Hunger...

Einen Hunger der sagt: Da draußen ist noch mehr.


Mehr, das ich noch nicht kenne.

Mehr, das ich noch nicht erlebt habe.

Mehr Welt. Mehr Tiefe. Mehr Farbe. Mehr Berührung.


Das ist kein Hunger danach jemand anderes zu werden.

Es ist der Hunger eines lebendigen Organismus nach Begegnung.

Vielleicht kennen wir ihn am besten aus der Kindheit.

Ich erinnere mich an Geschichten über Hexen, die wirklich auf einem ollen Reisigbesen durch die Nacht fliegen konnten. An Gegenstände, die lebendig wurden. An wundersame Tiere und Wesen. An alte Burgen, Wälder, Kräuter, Feuerstellen und Welten, in denen andere Gesetze galten.


Ich weiß nicht, ob ich wirklich geglaubt habe, dass all das existiert. Es war wahrscheinlich gar nicht nötig.

Es reichte, dass es existieren könnte.


Dass die Welt vielleicht noch Dinge enthielt, von denen ich noch gar nichts wusste.

Dieses Vielleicht hatte eine körperliche Qualität, ein Kribbeln, ein Sog nach vorne.


Was wenn?

Und irgendwann lernen wir, vernünftig zu werden.

Wir lernen, welche Geschichten wahr sind und welche frei erfunden. Wir lernen Wahrscheinlichkeiten, Zusammenhänge, Konsequenzen. Wir lernen Menschen einschätzen und Situationen vorhersehen. Vielleicht verlieren wir sogar den Glauben an den Zufall.

Ich glaube darin zeigt sich unsere enorme Fähigkeit Orientierung herzustellen über Erklärungen, oder eher Sicherheit über Geschichten. Diese Erklärungen zeigen uns Wege.


Sie verhindern, dass wir jedes Geräusch im Wald für ein Fabelmonster halten und uns bei Vollmond von irgendeinem Mann in Leinenroben erklären lassen wie Merkur unsere Kreditkartenschulden verursacht hat.


Klarheit ist gut. Klarheit hat aber auch einen Schatten.


Denn jedes Mal wenn wir entgültig entschieden haben, was etwas ist, schließt sich auch das Feld dessen, was es noch sein könnte.

Ein Stein wird zu einem Stein. Eine Pfütze ist einfach Regenwasser. Ein Mensch ist sein Bindungsmuster. Eine ungewöhnliche Begegnung nur statistische Koinzidenz. Ein Gefühl ist ein elektrischer Impuls im Nervensystem. Eine Sehnsucht wird zum unerfüllten Bedürfnis.


Und das verrückte ist, diese Erklärungen müssen nichtmal objektiv wahr sein, um wahr zu werden, in der Welt die wir erleben.

Wenn ich lange genug glaube, dass Menschen nicht vertrauenswürdig sind, beginnt mein Blick Beweise dafür zu sammeln.

Wenn ich laube, dass etwas unmöglich ist, erkenne ich manche Möglichkeiten nichtmal als solche.

Wenn ich glaube "ich bin eben so", wird aus einer Geschichte über mich irgendwann die Grenze dessen, was ich überhaupt noch ausprobiere.

Unsere Glaubenssätze sind keine neutralen Beschreibungen der Wirklichkeit.

Sie sind Filter. Sie entscheiden mit, worauf wir achten. Was wir übersehen, welche Bedeutung wir Ereignissen geben. Welche Risiken wir eingehen und welche Türen wir überhaupt als solche erkennen.


Wie in einer magischen Welt, in der auch ein Satz so unspektakulär wie: "So ist es eben." wie ein Zauberspruch wirkt.

Ich glaube genau das ist eine der mächtigsten Formen von Entzauberung. Nicht, weil sie ihre Magie verlöre, das tut sie nicht. Aber weil wir ihr irgendwann so genau erklärt haben was sie ist und nicht ist, dass sie uns kaum noch widersprechen darf.


Die Mystikerin unterbricht diesen Zauber.

Nicht weil sie einfach eine schöne Gewissheit darüberlegt a la:

  • Alles geschieht aus einem Grund

  • Das Universum will mir sagen...

  • Wenn ich nur richtig dran glaube ist ALLES möglich

Das wäre dasselbe Gefängnis mit Palo Santo ausgeräuchert.


Sie macht etwas viel Beunruhigenderes...sie lockert die Gewissheit selbst.

Vielleicht kenne ich die Welt noch nicht vollständig. Vielleicht kenne ich auch mich noch nicht vollständig.

Vielleicht ist das was ich heute für Unmöglich halte, nur außerhalb meines bisherigen Erfahrungshorizonts.

Vielleicht bedeutet dieser Moment etwas.

Vielleicht auch nicht.


Aber ich muss ihn nicht sofort schließen.


Und plötzlich ist er da, der Raum. Für Möglichkeit, Lebendigkeit, dafür vom Leben berührt zu werden, bevor man versteht was passiert.


Du siehst einen Ausschnitt der Archetypenkarte zur Mystikerin

Ausschnitt der Archetypenkarte die Mystikerin


Kommentare


bottom of page